Mit dem Tod unseres Gründers Henrik Enderlein hat das Jacques Delors Centre einen großen Europäer und einen wunderbaren Menschen verloren.
Henrik war ein scharfsinniger, dynamischer Geist, der stets vor Ideen sprühte, immer den richtigen Ton traf und den Kern der Sache auf den Punkt brachte. Sein Gespür für Politik, Sprache und Menschen machte ihn zu einem hochgeschätzten Redner und Berater, seine charmante und großzügige Art zu einem allseits beliebten Freund, Kollegen und Mentor. Henrik war eine zutiefst motivierende Persönlichkeit – jemand, der vielen vertraute, sie herausforderte, unterstützte und dazu inspirierte, ihm zu folgen. Immer mit Humor und einem Augenzwinkern. Immer auf Augenhöhe – selbst bei Meinungsverschiedenheiten.
Henriks Leidenschaft für die europäische Idee kannte keine Grenzen. Für ihn war die EU „das spannendste politische Projekt des 20. und 21. Jahrhunderts“. Gleichzeitig war seine Sichtweise stets liebevoll kritisch. Er war überzeugt, dass Europa besser sein könnte, wenn jede:r über den eigenen Tellerrand hinausblicken würde. Für ihn waren das niemals leere Worte: Die Schaffung eines besseren Europas stand im Mittelpunkt seiner Arbeit als Professor an der Hertie School, als Think-Tank-Experte und als politischer Akteur.
Im Jahr 2014 gründete Henrik gemeinsam mit Jacques Delors das Jacques Delors Institut in Berlin, das eng mit dem Institut in Paris verbunden ist, um der europapolitischen Debatte in Berlin eine neue, konstruktivere und weitsichtigere Richtung zu geben. Er wollte, dass Deutschland eine positive, zukunftsorientierte Vision für Europa entwickelt. Dies galt in vielerlei Hinsicht, vor allem aber in Bezug auf den Euro und die Eurozone. Seit seiner Doktorarbeit ließ ihn die Frage nicht los, wie eine gemeinsame europäische Währung wirtschaftlich und politisch funktionieren könnte. Um eine Antwort darauf zu finden, knüpfte er Verbindungen über nationale Grenzen und parteipolitische Gräben hinweg – stets mit dem Ziel, Vorschläge zu entwickeln, die rote Linien aufbrechen und neue Kompromissräume eröffnen konnten. Noch im Verlauf der Pandemie durfte er erleben, wie Europa diesmal solidarisch zusammensteht; auch dies war nicht zuletzt seinen unermüdlichen Bemühungen zu verdanken.
Als Henrik Präsident der Hertie School wurde, brachte er das Jacques Delors Institut mit. Seine Vision war es, Wissenschaft und Politik zusammenzubringen. Er gründete das Jacques Delors Centre, in dem europäische Politikforschung und Think-Tank-Arbeit Hand in Hand gehen. Die Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für eine gute europäische Politik und für langfristiges politisches Denken bildet nach wie vor die Grundlage unserer Arbeit.
Henrik war tief mit Frankreich verbunden, nicht nur in persönlicher und biografischer Hinsicht. Auch politisch betonte er unermüdlich die Bedeutung der deutsch-französischen Zusammenarbeit und Freundschaft für den Erfolg der Europäischen Union. Im Jahr 2020, kurz vor der Diagnose seiner Krankheit, rief Henrik den Deutsch-Französischen Dialog ins Leben. Die Förderung des kulturellen und intellektuellen Austauschs sowie die Stärkung der deutsch-französischen Beziehungen waren Projekte, die ihm sehr am Herzen lagen.
Henrik war bis zum Schluss unerbittlich optimistisch. Für ihn stand fest: Es lohnt sich immer, sich ins Getümmel zu stürzen und für seine Überzeugungen zu kämpfen. Wir hätten so gerne gemeinsam mit ihm weitergekämpft und weiter an einem besseren Europa gebastelt. Nun sind wir gezwungen, ohne ihn weiterzumachen. Wir werden ihn sehr vermissen.