
Deutschlands Vizekanzler und Finanzminister forderte Europa auf, sich zu verteidigen, zu reformieren und zu investieren, um in einer sich wandelnden Welt stark zu bleiben.
Am 24. September 2025 begrüßte das Jacques Delors Center an der Hertie School Lars Klingbeil, Vizekanzler und Bundesminister der Finanzen, zu einer Grundsatzrede über die deutsche Investitionsagenda und die Zukunft Europas. Vor Studierenden, Lehrenden, Diplomaten und politischen Entscheidungsträgern betonte Klingbeil, dass die Verteidigung und Reform der Europäischen Union die entscheidende politische Aufgabe seiner Generation sei.
In seiner Grundsatzrede erinnerte der Minister an den Optimismus, der die europäische Integration unter Politikern wie Jacques Delors, François Mitterrand und Helmut Kohl geprägt hatte, und stellte ihn der heutigen Realität gegenüber. “Meine Generation muss heute zwei Dinge neu lernen: Wir müssen Europa verteidigen, gegen die Feinde von Innen und Außen. Und wir müssen Europa reformieren, damit es stärker wird“, sagte Klingbeil. Der anhaltende Krieg Russlands in der Ukraine, die Verwundbarkeit Europas im globalen Handel und sein schrumpfender Anteil am weltweiten BIP zeigen, wie dringend Handlungsbedarf besteht.
Sechs Prioritäten für ein stärkeres Europa
Klingbeil skizzierte sechs Schlüsselbereiche für Maßnahmen: Investitionen in europäische öffentliche Güter wie Infrastruktur, Energie- und Wasserstoffnetze sowie Forschung; eine vertiefte Kapitalmarktunion, um Start-ups und Scale-ups beim Wachstum zu unterstützen; einen vollständig integrierten Binnenmarkt mit weniger Bürokratie und Fragmentierung; neue Handelsabkommen, um Europa in einer regelbasierten Weltwirtschaft zu verankern; eine strategische Industriepolitik mit Fokus auf Zukunftstechnologien; und eine effizientere Finanzierung der europäischen Verteidigung. Europa dürfe sich nicht in kleinlichen nationalen Debatten verlieren, sondern müsse seine kollektive Stärke nutzen, mahnte er.
Die Leidenschaft für Europa neu entfachen
Mit Blick auf die 1980er Jahre erinnerte Klingbeil daran, wie Jacques Delors mit mutigen Integrationsschritten wie dem Binnenmarkt und der Währungsunion auf die „Eurosklerose” reagiert hatte. Er forderte heute ähnliche Ambitionen: „Wir brauchen einen Jacques-Delors-Plan 2.0. An Ideen mangelt es nicht – was wir brauchen, ist Entschlossenheit.” In diesem Zusammenhang beschrieb er auch bewegende Eindrücke von einem kürzlichen Besuch in der Ukraine, wo die europäische Idee weiterhin Hoffnung weckt. Seiner Ansicht nach findet sich die größte Leidenschaft für Europa heute außerhalb der EU – in der Ukraine, Georgien und auf dem Balkan.
Diskussion über EU-Haushalt und Industriepolitik
In der anschließenden Diskussion mit Johannes Lindner, Co-Direktor des Jacques Delors Centre, ging Klingbeil auf den mehrjährigen Finanzrahmen der EU und die Herausforderung ein, gemeinsame Investitionsprioritäten in den Bereichen Infrastruktur, Sicherheit und Digitalisierung zu sichern. In der Industriepolitik plädierte er für koordiniertes Handeln, insbesondere zwischen Deutschland und Frankreich, um sicherzustellen, dass „Buy European“ nicht in konkurrierenden nationalen Agenden untergeht.
Die Erfolgsgeschichte Europas erzählen
Während der Fragerunde brachten Studierende und Gäste Themen wie die Kapitalmarktunion, die Anerkennung von Berufsqualifikationen, die Klimaziele der EU für 2040 und die Migrationspolitik zur Sprache. Klingbeil warnte: „Der Status quo ist unser größter Feind.“ Er bekräftigte die Klimaziele und betonte, dass die Erfolgsgeschichte Europas überzeugender erzählt werden müsse – nicht nur im akademischen Umfeld, sondern auch den Bürgern in ihrem Alltag. Europa, so betonte er, mache seine Mitgliedstaaten stärker.
Anerkennung für das Jacques-Delors-Zentrum
Zum Abschluss der Veranstaltung lobte Klingbeil die Rolle des Jacques-Delors-Zentrums bei der Gestaltung der europäischen Debatte in Berlin und dankte Johannes Lindner für seinen Beitrag in den letzten drei Jahren als Co-Direktor. Die Veranstaltung war Lindners letzter Auftritt in dieser Funktion, da er Ende des Monats zur Europäischen Zentralbank zurückkehren wird. Minister Klingbeil beendete seine Rede mit einem Zitat von Jacques Delors: „Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt. Wir müssen eine neue Leidenschaft für Europa entfachen. Der Frühling Europas liegt noch vor uns.“
Eine Aufzeichnung der Veranstaltung ist hier verfügbar.
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Foto: Sebastian Pfütze
Press contact
- Jens Peter Kückens, Referent für Presse und Öffentlichkeitsarbeit, Jacques Delors Centre