Politik
09.12.2025

Zwischen zwei Übeln: Europas Clean-Tech-Industrie zwischen Trumps Zöllen und Chinas Druck

Autor:innen:
Lucas Resende Carvalho, Bertelsmann Stiftung
Elisabetta Cornago, Centre for European Reform
Etienne Höra, Bertelsmann Stiftung
Philipp Jäger, Jacques Delors Centre

Executive Summary

  • Die zweite Trump-Regierung hat eine Kehrtwende in grüner Industriepolitik vollzogen und gleichzeitig ihre protektionistische Handelspolitik verschärft. Durch die US-Zölle ist das globale Handelsumfeld äußerst volatil, während die Rücknahme großzügiger US-Subventionen für europäische Hersteller von Clean-Tech sowohl Herausforderungen als auch Chancen mit sich bringt.
     
    • Erstens ist die Nachfrage der USA nach vielen Clean-Tech-Produkten zurückgegangen und wird voraussichtlich weiter sinken, da diverse Subventionen auf der Nachfrageseite früher als erwartet auslaufen und andere vollständig eingestellt werden.
       
    • Zweitens wird das künftige Angebot an Clean-Tech in den USA geringer ausfallen als erwartet. Da jedoch nicht alle Produktionssubventionen für Clean-Tech gekürzt werden, dürfte der Rückgang der Nachfrage größer ausfallen als der Rückgang des Angebots.
       
    • Drittens könnten die neuen Zölle die verbleibenden chinesischen Exporte von Clean-Tech aus dem US-Markt verdrängen, was den EU-Exporteuren möglicherweise einige Chancen bietet, neue Marktanteile in den USA zu erobern.
       
    • Wenn die Nachfrage in den USA weniger stark zurückgeht als das inländische Angebot und die chinesischen Importe zusammen, könnten EU-Exporteure von dieser Gelegenheit profitieren. Andernfalls werden die Exporte in die USA voraussichtlich zurückgehen.
       
  • Kurzfristig werden insbesondere die Aussichten für den Export von Elektrofahrzeugen und Windenergieanlagen beeinträchtigt sein, da diese von Bestimmungen des Inflation Reduction Act (IRA) profitierten, dem Konjunkturpaket, das der ehemalige US-Präsident Joe Biden nach der Pandemie zur Förderung von Investitionen in Klima- und Umwelttechnologien aufgelegt hatte. Die Kapazitäten für die Batterieherstellung in den USA wachsen, sodass es für EU-Batteriehersteller schwierig sein wird, einen großen Marktanteil zu erobern. Einige kleinere Branchen könnten davon profitieren, dass chinesische Produkte wie Wärmepumpen und Elektrolyseure weitgehend vom US-Markt ausgeschlossen sind.
     
  • Gleichzeitig hat sich das Überangebot Chinas an vielen Clean-Tech-Produkten – von Elektrofahrzeugen bis hin zu Solarmodulen – vergrößert. Dies setzt die Hersteller in der EU unter Druck durch kostengünstige, oft subventionierte Konkurrenz und birgt die Gefahr, dass sich die Abhängigkeit Europas von chinesischer Technologie weiter verstärkt. Aufgrund der Handelsbarrieren der USA werden billige chinesische Exporte nach Europa umgeleitet, was diesen Druck noch verstärkt.
     
  • Insgesamt sind die europäischen Clean-Tech-Hersteller von zwei politischen Schocks betroffen, die ihren Ursprung in den USA und China haben: Sie leiden unter schwächeren Verkäufen im Ausland und härterem Wettbewerb im Inland.
     
  • Die EU verfügt jedoch nach wie vor über weltweit führende Unternehmen in der Herstellung von Clean-Tech, beispielsweise in den Bereichen Windkraftanlagen, Wärmepumpen, Batterien der nächsten Generation und Elektrolyseuren. Durch den Ausbau ihrer industriellen und technologischen Basis und die Nutzung ihres großen Binnenmarktes kann die EU eine führende Position einnehmen – allerdings muss sie schnell eine kohärente Strategie für Clean-Tech umsetzen.
     
  • Es sind dringend politische Maßnahmen erforderlich, um zu verhindern, dass diese vorübergehenden Schocks die EU-Industrie für Clean-Tech zerstören und zu einer langfristigen Importabhängigkeit von wenigen Clean-Tech Anbietern führen. Nachdem Europa die Gefahr der Importabhängigkeit von russischem Erdgas zu spät erkannt hat, sollte es aus seinen Fehlern der Vergangenheit lernen.
     
  • Eine wirksame EU-Strategie für Clean-Tech sollte Handelsschutzmaßnahmen gegen chinesische Überkapazitäten, Produktionsförderung auf EU-Ebene zur Ergänzung nationaler staatlicher Beihilfen für Clean-Tech und regulatorische Stabilität zur Ankurbelung der Binnennachfrage nach Clean-Tech umfassen. Die EU sollte
     
    • die Handelsschutzmaßnahmen gegen chinesische Überkapazitäten in strategisch ausgewählten Clean-Tech-Branchen verstärken, unter anderem durch gezielte Zölle, europäische Präferenzen im öffentlichen Beschaffungswesen und die Überprüfung ausländischer Direktinvestitionen.
       
    • die Nachfrage nach Clean-Tech in der EU unterstützen, um den Nachfrageschock in den USA auszugleichen, indem sie an einem klaren und vorhersehbaren Rechtsrahmen festhält und wo nötig Kaufanreize schafft.
       
    • die Unterstützung auf EU-Ebene verstärken, um das Wachstum strategischer aufstrebender Industrien zu ermöglichen, wobei nationale staatliche Beihilfen durch EU-Instrumente wie wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse (IPCEIs), den geplanten Europäischen Wettbewerbsfonds und Horizon Europa ergänzt werden.

 

Photo: CC Engineered Solutions, Source: Unsplash